Sieben Uhr siebenundzwanzig. Ich ziehe den Schlüssel aus der Zündung. Mit der linken Hand stecke ich eine Zigarette an, greife mit der rechten nach meiner Jacke. Ich schließe die Autorür ab. Das Schloß klemmt. Sieben Uhr achtundzwanzig. Die Schwingtür fällt laut hinter mir zu. Sieben Uhr neunundzwanzig. Ich nehme die Jacke auf den linken Arm, denn ichmuß durch schwere Glastüren hindurchgehen, die sich nur schlecht mit der Schulter aufschieben lassen, zumal mit einer Zigarette im Mund, zumal mit der Tasche in der Hand. Sieben Uhr dreißig. Stempelkarte drücken. Die Stempeluhr macht ein widerliches Knallgeräusch. Langsam steige ich die Stufen hinauf. Leichte Übelkeit. Habe ich den Kassettenrekorder ausgemacht? Natürlich habe ich. Der morgendliche Knopfdruck und Stille.
Eurydice n’est plus et je respire encore-
Orpheus und Euridike von Gluck ist zur Zeit meine Lieblingsoper. Die Schlüssel rasseln im Schloss zur Datenabteilung. Quietschen. Es klickt. Guten Morgen. Guten Morgen. Guten Morgen. Es fiept. Regelmäßig piepen Fehler. Guten Morgen. Codewort. Bedienerkennung. Es piept. Guten Morgen. Kennziffer Kindergeld. 151r. Nein, Gottverdammt. 151N. Neu-Verfügung.
Die Frau Schlüssel hatte ihr neuntes Kind bekommen. …..

Als die Rehabilitations- und Kindergeld-Verfügungen durch waren, bullerte es an der Glastür. Ich schloss mich aus der Datenstelle heraus, um zur Toilette im 4. Stock zu gehen. Weites Treppenhaus.
Eurydice n’est plus et je respire encore-
Leni leerte die Papierkörbe, als ich zurückkam. „Mensch Leni, wie siehst du denn aus?“ „Hab nicht geschlafen. Bettina hat die ganze Nacht gehustet. Sag mal- wer ist das auf 102?“ „Keine Ahnung, wieso?“ „Ein unverschämter Typ!“ schimpfte Leni, „der hat mich aus dem Büro gejagt, obwohl ich noch nicht fertig war!“ „Ich hab keine Ahnung,wer das ist, beschwer dich doch bei Zucker.“ Leni lachte. „Wenn man vom Teufel spricht –„
Zucker stand tatsächlich in der Tür. Ich versuchte, ihn nicht genau anzusehen, denn ich konnte seinen Anblick nicht gut ertragen. Es lag was in der Luft, das war klar, aber ich war mir keiner Schuld bewußt, ich hatte schon einen ganzen Aktenstapel durch.
„Wer hat mir da diesen Orpheus ins Büro geschickt?“ Er sah Leni auffordernd an. Sie wischte in Richtung Tür und verschwand. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob er in Sachen Unterwelt auch keine Ahnung hätte.
„Keine Ahnung Herr Zucker. Ich bestimmt nicht.“
„Ich hab schon tausendmal gesagt, dass niemand zu den Büros der Datenabteilung Zutritt hat!“
„Ich weiß doch Herr Zucker. Ich weiß wirklich nicht, wie er hier heraufgekommen ist.“ ……

© Marianne Koch

Leseprobe

Einblick in das Buch
„Orpheus in der Arbeitswelt“
von Marianne Luise Koch

Orpheus in der Arbeitswelt
Marianne Luise Koch - Autorin

Marianne Luise Koch, geboren im Ruhrgebiet, studierte in Münster, unterrichtete ein Jahr in Rom und lebt seit 2004 in Witten nahe der Ruhr.

Marianne Luise Koch
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